5 Stunden voraus

Ein Erfahrungsbericht einer Reise in die Zukunft mit dem Ergebnis, dass sich die Welt in 5 Stunden zwar nicht wirklich weiter entwickeln, aber doch erheblich ändern kann.

Long Xuyên, Viet Nam

27 September 2006

Gerade kam eine Dame zur mir und hat mich gefragt, ob ich schon mein Bild im Internet gesehen habe. Mein Bild? Im Internet? Kaum vier Wochen hier und schon stellen vietnamesische Stalkerinnen (oder die Behoerden, wer weiss) Bilder von mir ins Internet. Werd ich wohl gut aussehen auf den Bildern? Ein bisschen mulmig ist mir schon, als ich ihr zum naechst besten Computer folge. Trommelwirbel, was wird es wohl sein? Aaaaaah (das Geraeusch ist ein erleichtertes Aaaaah und daher nicht zu verwechseln mit dem Geraeusch unter der eiskalten Dusche), aufatmen, ist nur ein Bild von der Opening Ceremony am Montag morgen. "You and your friends, see!", sagt die Dame und laechelt mich an.

Der Link zum Bild

Diese Eroeffnungsfeier war am Montag morgen um sieben (ja richtig, sieben Uhr morgens!) auf dem grossen Platz mitten in Campus A. Alle Studenten waren da und alle schick angezogen. Es gab Treueschwuere auf Ho Chi Minh (was meinem Antrag zum Beitritt der Kommunistischen Partei nur dienlich sein kann) und lauter Reden von Studenten und wichtigen Leuten. Ob sie interessant waren weiss ich leider nicht, sie waren alle auf vietnamesisch. Mein Antrag darauf, dass die Verstaltung dieses Mal auf deutsch abgehalten wird, wurde leider ignoriert, genauso meine staendigen "Boring!"-Zwischenrufe. Nein, war eine schoene Verstaltung. Vietnamesisch, etwas langweilig fuer mich, aber doch alles in allem sehr schoen und interessant, mal dabei gewesen zu sein.


Beschaeftigungstherapie waehrend einer der Reden auf vietnamesisch. Ganz ehrlich, haetten sie die Worte des einfachen Mannes verwendet wie "Ein Sandwich mit Ei und Fleisch, bitte!", dann haette ich sie auch verstanden. Aber nein, alles hochgestochenes vietnamesisch, fast schon ueberheblich hochgestochen... :-)


Vorne links der Praesident, Dr. Xuan, beim traditionellen Trommelschlagen


Die Ehrengaeste der diesjaehrigen Opening Ceremony: Der Vorsitzende des Kommitees der deutsch-vietnamesischen Zusammenarbeit, die Zwillinge der Organisation "Di nhau, Amerika" und Francois, Vorsitzender des Clubs der Freunde Frankreichs. Auf dem Bild fehlt: das Baguette unter Francois' Arm

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhh!

Wenn man mal eine Weile lang hier lebt, hat man sich eigentlich mit dem Grossteil aller unangenehmen Dinge arrangiert. Man isst Haustiere, man redet mit den Froeschen im eigenen Zimmer, man wartet nicht mehr darauf, dass es abends vielleicht mal kuehler wird. Und so arrangiert man sich auch damit, jeden morgen kalt duschen zu muessen. Ab und zu (wenn man z.B. nachmittags duscht oder einen besonders guten Tag erwischt), hat die Sonne den Wassertank auf dem Dach etwas aufgeheizt und es ist angenehm lauwarm, allerdings wirklich recht selten. Aber heute morgen kam es mir - wenn das nicht irgendwie unlogisch klingen wuerde - vor wie minus 10 Grad. Aaaaah! Wie sehr hab ich mir gewuenscht, zu Hause zu sein und warm duschen zu koennen.

Aber dann koennte ich ja nicht hier sein, also streichen wir den Gedanken wieder und duschen weiter kalt...

20 September 2006

Eigentlich wollte ich jetzt mal ein paar Bilder vom Campus, dem Guest House, meinem Zimmer und der beruehmten "Bumpy Road 66", dem Verbindungsweg zwischen dem Hauptcampus und dem Wohnheim zeigen, aber leider laesst mich grad mein Bildbearbeitungsprogramm im Stich. Oder es hat sich der Trojaner namens "vietnamesischer.Arbeitsalltag" eingeschlichen und das Programm ist daraufhin Kaffee trinken gegangen. Oder Bier, wenn man sich die Uhrzeit anschaut...

Aber es gibt ja auch noch andere interessante Nachrichten, z.B. dass ich heute mein richtiges Projekt begonnen habe. Die bisherige Zeit an der Uni hab ich meist nur Kleinigkeiten gemacht, nix Grossartiges. Und natuerlich Kaffee trinken, schwatzen, Kaffee trinken, als Talkshow-Gast in anderen Vorlesungen dienen, Kaffee trinken, vietnamesisch lernen, Reiswein trinken, Emails schreiben, essen gehen, Fussball spielen, schwatzen und natuerlich Kaffee trinken.

Dafuer ist mein jetztiges Projekt umso interessanter, da ich die Moeglichkeit hatte, es selbst zu gestalten. Die Bibliothek hier, fuer die ich arbeite, ist sehr engagiert, was den Einsatz neuer Medien im Uni-Umfeld angeht. Darunter gibt es auch ein Projekt, mit dem Uni-eigene Dokumente erstellt, verwaltet und zugaenglich gemacht werden sollen. Das wurde auch schon begonnen und so sollte ich es eigentlich weiter entwickeln. Da ich aber einen etwas anderen Weg gehen wollte, hatte ich die Moeglichkeit, gestern in einer kleinen Praesentation meine Vision einer besseren Welt vorzustellen und das ist auch auf Gegenliebe gestossen. Und so durfte ich heute damit beginnen, meinen Beitrag zur vietnamesischen Informatikwelt zu leisten. Selbstverstaendlich habe ich in meinem Arbeitsvertrag festhalten lassen, dass ich auch weiterhin meine kleine Nebenbeschaeftigung ausueben darf: Kaffee trinken.

Hier seht Ihr auch mal meinen momentanen Arbeitsplatz. Ganz links sitzt normalerweise Thong. Ist ganz praktisch, so verliert man naemlich keine Zeit mit Nachrichten schreiben, wenn man Kaffee trinken gehen will. Der zweite Laptop von links ist uebrigens meiner, den ich mir in Saigon vor zwei Wochen gekauft hab. Im Hintergrund ist der grosse Arbeitssaal der Library mit ziemlich vielen Computern und der den ganzen Tag ueber vollgepackt mit vietnamesischen Studenten ist.

Von hier aus kann man auch immer grinsend Zeuge eines recht haeufig auftretenden Ereignisses werden: dem Stromausfall. Man stellt sich mal - um eine Zahl in den Raum zu werfen - 100 Studenten vor, die grad alle an irgendwas wichtigem arbeiten und zuuum: das Licht geht aus! Schlagartig ist es dunkel und laut. Aber irgendwie ist niemand wirklich sauer oder rastet aus, es gehoert halt einfach dazu. So wie vieles andere. Und es dauert auch gar nicht lange und man nimmt diese vietnamesische Gelassenheit auch an. Man sitzt einfach nur grinsend da und erfreut sich an diesem kleinen Spektakel. Und daran, dass man zu der Hand voll Leute in der Library gehoert, die einen Laptop haben und gelassen weiter arbeiten koennen.


16 September 2006

So, und noch einmal die lokale Gastronomie. Das kleine "Cafe" hier, das "Ngoc Hanh", ist direkt bei der Uni, was es zu einem beliebten Ausflugsziel zu jeder Tageszeit macht. Ein kurzes "Ca phe?" per SMS oder Messenger reicht im Allgemeinen und man landet hier. Und: man kann von hier aus ueber das Wireless der Uni ins Internet.

Ausserdem ist recht guenstig, was man der Getraenkekarte entnehmen kann. Preise durch 20000 teilen, dann hat man Euro-Mark. Kleine Vietnamesisch-Stunde zur Orientierung: "Ca Phe" ist leicht erkennbar ein "Kaffee" und "Ca Phe Sua" ist ein Kaffee mit Milch. Beides im Normalfall im Glas und kalt mit Eiswuerfeln. Gewoehungsbeduerftig, aber nach einigen Versuchen ganz ok. Aber deutscher Kaffee (bzw. Kaffee, wie wir ihn in Deutschland trinken) kommt auf die Liste der Dinge, die ich als erstes machen werde, sobald ich wieder in Deutschland bin. Auch ganz witzig: es gibt immer (also ueberall, nicht nur hier) kostenlos eine kleine Kanne Tee auf den Tisch und fuer jeden ein extra Glas mit Eiswuerfeln. Und dann trinkt man danach oder parallel zum eigentlichen Getraenk noch nen kalten Tee. Man kann aber auch einfach gar nix bestellen und nur den kostenlosen Tee trinken, wenn man die 10 Cent fuer den Kaffee sparen will. Oder einfach sein eigenes Getraenk mitbringen. Standard-Antwort auf Fragen hier, ob man sowas denn wirklich machen kann: "Of course, this is Vietnam!" Schoene neue Welt...

Hier auch mal ein nettes Beispiel fuer die schuechterne Art der Vietnamesen: Auf dem Bild sind 4 Personen zu sehen, die alle versucht haben, sich vor dem Foto zu verstecken. Nummer 5 und 6 haben es rechtzeitig geschafft, im Cafe zu verschwinden und sind somit nicht mehr auf dem Bild zu sehen. Ihr Versteck ist aber angedeutet...


Von links nach rechts am Tisch: Duy (24 Jahre, Informatik-Teacher an der Uni), Eric (ebenfalls Stammgast beim Nachmittags-Kaffee), Thong (27 Jahre, Netzwerk-Mensch an der Uni, mein Kaffeekumpel und ebenfalls Stammgast hier, hab mich an seinem "Arbeitsplatz" eingenistet)

15 September 2006

So aehnlich wie auf dem Foto hier sehen ziemlich viele Restaurants aus, in denen man mal kurz was essen geht oder auch, wie hier, e bissle laenger sitzen bleibt. Was man hier auf dem Bild nicht ganz so gut oder auch gar nicht sieht:
  • Die Hauptstrasse, die direkt nebendran ist, man sitzt quasi auf dem Gehweg und wenn man nicht aufpasst auch halb auf der Strasse
  • Die Gaeste-Motorraeder, ansatzweise rechts zu sehen
  • Das Buffet des Restaurants links neben dem Bild
  • Hinter dem Buffet er Innenraum mit nochmals ebenso vielen Sitzplaetzen wie hier auf der Terrasse (also 6 oder so, je nachdem, wie viele Leute an dem einen Tisch sitzen)
  • Steven, der das Foto gemacht hat
  • Und die Reisweinflasche, die aber glaub ich zwischen mir und Lam auf dem Boden steht



Von links nach rechts: Tri (Vietnamese, super nett, hilfreich, lustig, Bier-Trinker), ich, Lam (sitzt mit Eric und Tri im Buero, eigentlich recht selten dabei, Reiswein-Trinker), Eric (USA, Alles-Trinker), Tyler (USA, daheim Weintrinker, hier zum Biertrinker geworden)

09 September 2006

Ja, dann gibts hier mal den ersten richtigen Eintrag in meinem Blog. Da ich keine Lust habe, erstmal seitenweise zu erzaehlen, wie das Wetter so ist und das Essen und die Leute, wie der Flug war und was ich schon alles gesehen habe, steig ich einfach mal ganz aktuell (naja, vorgestern) ein. Ich denk, im Laufe der Zeit sollte sich alles andere ergeben.

Nachdem ich mir ja schon relativ sicher war, dass ich alles, was es hier so an Essen gibt, mal ausprobieren wuerde und mit Ratte auch schon das erste auf dem Teller hatte, was man in Deutschland nicht jeden Tag isst, war es dann endlich soweit: es gab Hund.

Was soll ich sagen? Ich weiss nicht, ob ich es nochmal essen wuerde. Naja, einmal vielleicht, um zu schauen, ob es wirklich so schlimm war. Aber es war auf jeden Fall mit Abstand das schlimmste, was ich hier bisher gegessen habe. Dabei war es gar nicht der Geschmack des Fleisches an sich, sondern eher das Wissen darum, dass es Hund ist, die total eklige Shrimps-Paste, die man traditionell dazu isst (hier musste ich dann aber doch mal mit Traditionen brechen und hab mir Fischsausse nachbestellt) und kleine Hund des Restaurantbesitzers, der einem dauernd unter dem Tisch raumlaeuft und an einem schnuppert. "Lass Dich nicht beim Essen stoeren, ich such nur meinen kleinen Bruder, der hat sich seit heute morgen nicht mehr gemeldet und es hat grad so nach ihm gerochen."

Aber fuer alle, die wissen wollen, wie es schmeckt: es schmeckt meiner Meinung nach in Richtung Sauerbraten oder so. Wenn man es nicht weiss / nicht dran denkt / es einem nichts ausmacht, ists eben auch nur eine Sorte Fleisch und gar nicht so schlecht. Wie Ratte oder Schlange oder Pferd auch... :-)

In diesem Sinne bis bald und schoene Gruesse


Von oben nach unten: Mensch, Hund

06 September 2006

In der Zukunft angekommen

Die Bewohner des Internation Guest House. Hier fehlt noch Lilian in Zimmer 104Tja, so einfach scheint das zu sein. Ein 11-stuendiger Flug scheint auszureichen, um fuenf Stunden in die Zukunft zu reissen. Gut, der aufmerksame Leser wird bemerken, dass die Rechnung vor allem fuer Reisen in die ferne Zukunft nicht ganz aufgeht und die Beschaffenheit der irdischen Zeitzonen tut ihr uebriges dazu, aber immerhin ein Anfang. Und wer haette gedacht, dass Vietnam in der Zukunft liegt?

Also, herzlich willkommen aus Vietnam an die Welt da draussen, hier bin ich! Recht offensichtlich habe ich vor, auf diesen Seiten ab und an mal ein paar Eindruecke zu schildern, die ich hier so tagtaeglich gewinne. Also schaut alleweil mal rein, wenn Euch interessiert, was es Neues aus der Zukunft gibt.

Me love u long time!
Hendrik



Sonnenaufgang ueber China, 1000 km vor Hong Kong