5 Stunden voraus

Ein Erfahrungsbericht einer Reise in die Zukunft mit dem Ergebnis, dass sich die Welt in 5 Stunden zwar nicht wirklich weiter entwickeln, aber doch erheblich ändern kann.

Long Xuyên, Viet Nam

31 October 2006

Wenn man sich eine Weile lang in einer fremden Kultur aufhaelt, wird zwangsweise mit vielen kulturellen Unterschieden konfrontiert, auf die man in unterschiedlicher Art und Weise reagiert: man gewoehnt sich einfach an vieles und akzeptiert es oder findet auch Gefallen daran, man lehnt es in irgendeiner Art und Weise zwar ab, aber lernt, damit umzugehen oder man respektiert einfach manche Dinge, da man sich freiwillig zum Gast dieser Kultur gemacht hat. Wie auch immer, das meiste wird relativ schnell zum Alltag, damit natuerlich und man denkt einfach nicht mehr darueber nach. Aber es gibt ein paar Dinge, ueber die man sich jeden Tag aufs Neue wundern kann und die man wohl nie so ganz verstehen wird. Ein Beispiel dafuer ist die Buero-Kultur hier. Ich sitze grad in einem Buero des International Relation Office, das, wie der Name schon sagt, fuer internationale Beziehungen der Universitaet zustaendig ist. Normalerweise bin ich hier nur Gast, da ich hier ein paar Leute ganz gut kenne, aber heute bin ich hier zum Arbeiten, da mein Buero geschlossen ist. Mein Buero? Nicht ganz, vielmehr ist die komplette Library, in der sich auch mein Buero befindet, am Vormittag geschlossen, weil ein Mitarbeiter der Library heute Hochzeit feiert. Ja richtig, Hochzeitsfeier am Dientag Vormittag und, viel besser, die komplette Library wird dafuer fuer einen Vormittag geschlossen. Gut, ich hab ja ein Buero gefunden, wo ich arbeiten kann.

Erinnern wir uns kurz an ein Buero bei uns: hektische Betriebsamkeit, relative Stille, die nur durch den Laerm der Produktivitaet gestoert wird allgemeine Serioesitaet.

So, damit zurueck zur Situation, in der ich mich gerade befinde: ausser mir sind vier Mitarbeiter und zwei Lautsprecher im Raum. Zwei Leute, Frauen, sind vertieft in ihre Arbeit, schreiben am Computer, lesen Berichte, telefonieren, ja, sie arbeiten. Mitarbeiter Nummer drei bedient den Computer, an dem die Lautsprecher angeschlossen sind. Nachdem gerade "Your my heart, your my soul" von Modern Talking lief, kommt jetzt "Shalala" von den Venga Boys. Zufrieden wippt er in seinem Buerostuhl hin und her und grinst zufrieden und klatscht zum Refrain. "Shalalalala, klatsch klatsch klatsch, schalala in the morning." Dann kommt Mitarbeiter Nummer vier, amuesanterweise der Vice Director des Offices, und fordert mich auf, mit ihm zu tanzen. Dass ich ablehne, haelt ihn aber nicht davon ab, den Ass-Dance im Buero hoch und runter zu tanzen. "Klatsch klatsch klatsch" funktioniert offensichtlich auch ganz gut auf seinem Hintern. So, nach all der Anstrengung freuen sich doch alle, dass jetzt erstmal Mittagspause ist...

Auch wenn ich mich wiederhole: vieles ist anders hier und das meiste davon auch wirklich sehr witzig.

Letze Woche hab ich mich entschieden, einen weiteren elementaren Bestandteil der vietnamesischen Kultur auszuprobieren und hab mir hier ein Motorrad gekauft. Ist mit 110 ccm etwas kleiner als das, was man in Deutschland ein "Motorrad" nennen wuerde, aber ist hier das, was ca. 99% der Leute fahren. Gebraucht hat es mich schlappe 4,6 Millionen gekostet, aber zum Glueck ist der Umrechungskurs 1 zu 20000, so dass es am Ende doch ganz guenstig war.

Ja, ansonsten war die letzte Zeit sehr gepraegt von heimatlichen Glueckgefuehlen in Form von westlichem Essen. Ein paar Ausfluege haben uns doch oefters die Moeglichkeit gegeben, Dinge zu essen, die man hier vermisst: Pizza, Hamburger, ordentliches Fruehstueck mit gutem Kaffee, Kentucky Fried Chicken (die einzige westliche Fast-Food-Kette in Vietnam) und Wiener Schnitzel! Und mit Krombacher und Schneider's Weisse gabs in Saigon sogar nicht nur importiertes echtes deutsches Bier, sondern sogar mal ein Heffe und obendrein noch Jaegermeister! Fast wie zu Hause also...

Da isses...


Und das hier ist die Zulassung auf meinen vietnamesischen Namen

13 October 2006

0:25 Donnertag-Nacht, Logbuch. Erster Eintrag seit knapp zwei Wochen.

Also, was gibt Neues? Oder vielleich mal anders angefangen, was ist gleich geblieben? Kaffee trinken natuerlich, ich bin noch nicht von der Uni geflogen, Vietnam ist immer noch super, es ist immer noch warm gemischt mit Regen und entgegen eines merkwuerdigen Trends der Region hier hat Vietnam noch keine Atomwaffen. Langweilig? Ganz und gar nicht...

Also, um einen kurzen Abriss der letzten Zeit zu geben:
  • Zur Bekaempfung von allgemeinem Heimweh gabs ein kleines Oktoberfest hier. Schlechtes Bier, aber Masskruege. Nur die Musik, die daheim auf dem Fest (und Festen dieser Art) gespielt wird, ist hier ein bisschen auf Verwunderung gestossen. Dafuer kam aber ans Licht, dass man auch in Amerika Oberammergau und "Da Da Da" kennt.
  • Dann gabs hier das sog. "Mid-Autumn-Festival", an dem die halbe Stadt abends auf den Beinen ist, kleine Boote mit Kerzen ins Wasser setzt, um sich was wuenschen zu duerfen und nur Moon-Cakes isst (deren vietnamesischer Name eher sowas wie "Mid-Autumn-Kuchen" ist). Naja, oder so aehnlich vielleicht, man darf nicht alles glauben, was in Blogs so geschrieben wird. Drei kleine Bilderchen fuer den eigenen Eindruck gibts hier.
  • Und dann gabs noch einen Trip in ein Naturschutzgebiet an der Grenze zu Kambodscha. Besonders faszinierend dabei: Batmans komplette Familie bis hin zu seinen Verwandten neunten Grades lebt in diesem Wald, wer haette das gedacht? Auch hier gibts ein paar Fotos hier.
So, das waere mal das Spannendste der letzten Tage in Kurzfassung. Wobei man das so eigentlich auch gar nicht sagen kann, spannend ist es auch weiterhin hier tagtaeglich und witzig und einfach sehr sehr schoen. Warum das so ist? Kann ich noch nicht abschliessend sagen, ich denk darueber nach. Und wann ich das sagen kann? Ich befuerchte, sobald ich daheim bin. Aber so lange versuche ich mal, es weiterhin zu geniessen und freue mich trotzdem auf daheim und das Riessenleberwurschtbrot von Andy am Flughafen...



Bevor sich jemand sorgen macht: es geht uns immer noch gut hier!