5 Stunden voraus

Ein Erfahrungsbericht einer Reise in die Zukunft mit dem Ergebnis, dass sich die Welt in 5 Stunden zwar nicht wirklich weiter entwickeln, aber doch erheblich ändern kann.

Long Xuyên, Viet Nam

07 December 2006

Heute ist der Tag nach gestern. Was an sich noch nicht sehr besonders, schon gar nicht einfallsreich und definitiv nicht intelligent klingt, ist hier doch etwas besonderes. Gestern war naemlich der grosse Tag, an dem Durian nach Long Xuyen kommen sollte. Fuer ihn wurde sogar extra die Universitaet fuer einen Tag geschlossen. Ja, hoher Besuch war also angekuendigt. Durian sei ein recht windiger Bursche, sagte man, und ist bekannt fuer seine stuermischen Auftritte. Ja ja, man ahnt es schon, dass Durian weder ein Popstar noch ein hoher Vertreter der kommunistischen Partei ist (ich bezweifle auch, dass man mit dem Namen Durian hier ueberhaupt Mitglied der Partei werden koennte). Durian ist: ein Typhoon. Und ein recht grosser sogar. Nachdem es vor ein paar Wochen in Zentralvietnam schonmal ein happiges Unwetter gab, schlugen hier ein bisschen die Alarmglocken, als sich nun Durian angekuendigt hat. Und deshalb, man glaub es kaum (und obendrein auch das erste Mal in der Geschichte der Uni hier), wurde gestern wirklich die Universitaet komplett geschlossen. Das hat dann Montag abend (nachdem es bekannt gegeben wurde) fuer ein paar mulmige Weltuntergangsgefuehle gesorgt und alle waren natuerlich gespannt, wie Long Xuyen den Dienstag ueberleben wuerde. Ein bisschen war es, als ob jemand einen ueberdimensionalen Feuerwerkskoerper angezuendet haette und dann „Achtung, alle Mann in Deckung!“ gerufen hat. Und alle Mann waren auch in Deckung, hatten die Finger in den Ohren, und haben gespannt auf den Knall gewartet. Und dann? Ja, dann ist gar nichts passiert. Nicht, dass strahlender Sonnenschein war, aber es hat nicht mal wirklich geregnet, von 150 km/h Windgeschwindigkeit (die im Gespraech war) mal ganz abgesehen. Seltsamer Tag irgendwie, zumal in „Can Tho“ (60 km suedlich) anscheinend Menschen ums Leben gekommen sind. Aber so ist es nun einmal.

A propos Naturgewalten: ist jetzt ein paar Tage her, da durfte ich Zeuge des lautesten Donners meines Lebens werden. Und der kam dafuer mal ganz ohne Vorwarnung. Etwa so, als ob jemand einen ueberdimensionalen Feuerwerkskoerper angezuendet haette und ihn dann ohne „Achtung!“ zu rufen in mein Ohr gesteckt haette. Ich sas mit Tyler in der Bibliothek der Uni und wir haben das Gewitter draussen nicht mal wirklich registriert, als es „Zooom“ gemacht hat. Ganz ganz laut. Als ich meine Augen wieder aufgemacht hab, sass ich wie ein Embryo auf meinem Stuhl, Tyler in einer aehnlichen Position auf seinem Stuhl gegenueber. Sein etwas eingeschuechterter Kommentar: „My teeth hurt!“. Schoenes Erlebnis, was aber leider zur Folge hatte, dass auch die Zaehne von ein paar wichtigen elektronischen Geraeten hier weh getan haben und seitdem (unter anderem) das Internet in unserem Guest House nicht mehr funktioniert. Ein wirklich herber Verlust, sag ich Euch...



Nachgestellte Szene: Tyler im Moment des Donners

Das (gut, nicht nur das) hat mich dann veranlasst, auf ein kleine Rundreise in den Norden Vietnams aufzubrechen. Sobald meine Zaehne nicht mehr weh tun, werd ich vielleicht mal ein paar Bilder posten, aber bis dahin verbleibe ich mit nur einer einzigen Anekdote: bei einem Ausflug in die Demilitarisierte Zone (die ehemalige Grenze zwischen dem Norden und dem Sueden), ist uns doch tatsaechlich ein Weltstar ueber den Weg gelaufen: Jack Bauer alias Kiefer Sutherland. In einem privaten PKW selbverstaendlich, nicht mit einer Touri-Reisegruppe. Und irgendwie wollte er sich auch nicht mit Touris abgeben oder zumindet nicht mit uns. Da hat auch nicht geholfen, dass wir auf billige Art und Weise versucht haben, ihm Honig ums Maul zu schmieren (obwohl ich nun wirklich einer weltgroessten „24“-Fans bin), er wollte einfach nicht mit uns sprechen. Wenigstens hab ich in meiner Parapazzi-Tasche das Teleobjektiv gefunden und konnte diesen einzigarten Schnappschuss landen:



I'm Federal Agent Jack Bauer and today is the longest day of my life.

In diesem Sinne wieder mal schoene Gruesse aus der Ferne und bis bald. Me love u long time!